Schlagwort-Archiv: sommer

Frühling, Sonne, Lyonesse

Menschen, die nicht stricken, unterliegen oft dem Glauben, dass der Frühling und der Sommer eher die Saure-Gurken-Zeit für das Stricken sind. Dabei kommt es doch einfach nur darauf an, welches Material verwendet wird.

Baumwollgarne sind ein Klassiker für sommerliche Pullis und Accessoires. Edler wird das Gestrickte mit Seidengarnen, rustikaler dagegen mit Hanf- oder Flachsfasern. Allen ist gemein, dass sie natürlich atmungsaktiv sind. Aufgrund der Glätte der Fasern wird kaum Luft eingeschlossen, aufgenommene Luftfeuchtigkeit wird rasch wieder abgegeben und die Haut wird getrocknet und gekühlt.

In meinem Kleiderschrank finden sich zum Beispiel Katy aus Rowan’s Baumwollgarn Denim …

KatyDenim6_medium2

… und Buckland aus dem Seiden-Baumwoll-Mischgarn Purelife Revive, ebenfalls von Rowan.

buckley-8_medium2

Aber all diese kühlenden Fasern haben eine wichtige Eigenschaft, die mich stets mit Wehmut an Wolle denken lässt: Sie sind nicht elastisch und können die Form nicht lange halten, in die sie gebracht werden. Ein geripptes Bündchen zieht sich schon nach kurzem Tragen nicht mehr zusammen. Darüber hinaus werden meine Fingerspitzen von der trockenen und oft auch etwas rauen Oberfläche der Garne beim Stricken so beansprucht, dass ich ihnen viel öfter eine Pause gönnen muss, als mir manchmal lieb ist.

Nun lässt sich ja vor allem hochwertige, unbehandelte Wolle gern mit weiteren Zutaten verspinnen. Mit einem Kern aus robusten Pflanzenfasern wird die Wolle gestärkt oder mit Seide reizvoll glänzend. Mit Knowhow und Blick für Qualität können Hersteller Garne entwickeln, die vor allem die positiven Eigenschaften der verschiedenen Ausgangsfasern zeigen und miteinander ergänzen.

In meinem letzten Beitrag hatte ich bereits erwähnt, dass mir auf der h+h in Köln das neue Garn Lyonesse von Blacker Yarns besonders aufgefallen ist. Schon auf den ersten Blick ist es ein verlockendes Beispiel für ein Sommergarn, für das Pflanzenfasern und Wolle kombiniert wurden. Die Qualität ließ mich neugierig werden auf eine erste Maschenprobe.

Wie groß war also meine Freude, als mir Blacker Yarns ein Paket des Garns anbot und mir in meinem Lieblingsfarbton Jade umgehend zuschickte. Die Bitte, nach Möglichkeit eine Besprechung des Garn zu verfassen, erfülle ich hier sehr gern.

Lyonesse-10

Allgemeine Angaben

Sorgsam verpackt (sogar die Schnur wird in der Spinnerei von Sue Blacker hergestellt) und – ganz wichtig – mit einer Farbkarte ergänzt, erreichte mich das Paket aus UK. Enthalten ist also Lyonesse in der Stärke Double Knitting (DK), worsted spun (also zu einem eher glatten Faden versponnen). Das Knäuel hat 110 Meter Lauflänge je 50 Gramm. Das Garn besteht aus 50% Falkland Wolle (Corriedale und Merino) und 50% Leinen. Die empfohlene Nadelstärke ist 4 mm.

Lyonesse-1

Erster Eindruck

Im Knäuel präsentiert sich das Garn luftig und weich. Auf der Haut fühlt es sich sehr angenehm an, mit einer gewissen Trockenheit im Griff, die mir sagt, dass es sich hier nicht um ein reines Wollgarn handeln kann. Die Pastellfarbe durchdringt nicht den ganzen Garnfaden, sondern gewinnt eine zusätzliche Leichtigkeit durch das Changieren von gefärbten und ungefärbten Fasern. Darüber hinaus zeigt sich ein dezenter seidiger Glanz, der den glatten Flachsfasern zu verdanken ist.

Lyonesse-11

Ich denke, ich habe bereits in einem der voran gegangenen Beiträge darauf hingewiesen, wiederhole mich hier aber gern: Blacker Yarns färbt seine Garne selbst, und zwar in UK. Doch die gehobenen Standards der EU bezüglich Umweltschutz und Nachhaltigkeit werden von Blacker Yarns freiwillig übertroffen, denn alle verwendeten Farben sind GOTS-zertifiziert und basieren allein auf Säurereaktion. Es kommen keine Schwermetalle zum Einsatz. An der Lebendigkeit und Natürlichkeit der Farben kann ich mich kaum satt sehen.

Maschenprobe stricken

Für die erste Maschenprobe entscheide ich mich für die Nadelstärke 4.5 mm, also eine Nummer größer als die empfohlene Nadel, denn ich möchte die Maschen eher offen und das Strickstück locker fallend haben. Nach dem Waschen dieser ersten Probe bin ich jedoch nicht ganz überzeugt vom Maschenbild und schlage umgehend eine zweite Probe an, diesmal mit der empfohlenen Nadelstärke 4 mm. Alle folgenden Fotos beziehen sich auf diese zweite Maschenprobe.

Das Stricken mit Lyonesse DK, das aus 3 Strähnen (3-ply) besteht, fällt leicht und ist unkompliziert. Nur sehr selten trennt meine relativ spitze Nadel aus Holz (Symfonie von KnitPro) das Garn. Allerdings wechsle ich trotzdem auf eine Alu-Stricknadel, denn der Anteil Leinen lässt das Garn nicht so gut über das Holz rutschen.

Ab und zu lösen sich nur locker versponnene Flachsfasern vom Garn, wenn es vom Knäuel abgewickelt wird. Sie lassen sich leicht abzupfen und stören das Stricken nicht. Knoten oder andere störende Unebenheiten im Garn sind mir nicht begegnet.

Ich stricke die Probe glatt rechts mit einem Teil Lochmuster und einem einfachen Zopf. Mit jeder Reihe wächst meine Begeisterung, denn das Strickstück weist eine erstaunliche Elastizität und ein definiertes Maschenbild auf, das offene Muster zeigt sich bereits vor dem Spannen akkurat und der Zopf tritt plastisch hervor. Bis hierher verhält sich das Garn eher wie ein reines Wollgarn.

s-lyonesse 4mm before 02
vor dem Waschen: Maschenprobe Lyonesse DK, 4 mm

Waschen

Beim ersten Eintauchen in laues Wasser entspannen sich alle Maschen umgehend und nehmen sehr bereitwillig das Wasser auf. Dabei lässt auch dieses Garn diesen typischen leisen Seufzer hören, wenn die kleinen Luftblasen sich von der Wolle lösen. Nur ein minimaler Hauch von Grün bleibt im ersten Wasser zurück, von tatsächlicher Abgabe von Farbe lässt sich also kaum sprechen.

Nach kurzem Ausdrücken in einem Handtuch ist nur noch wenig Feuchte in der Probe. Ohne jegliche Spannung sichere ich das flach ausgebreitete Stück mit nur wenigen Stecknadeln und lasse es über Nacht trocknen.

Die fertige Probe

s-lyonesse 4mm06
nach dem Waschen: Maschenprobe Lyonesse DK, 4 mm

Die getrocknete Probe präsentiert sich mit einem derart geordneten Maschenbild, das man fast vermuten könnte, sie wäre gebügelt worden. Alle Unebenheiten im Glattgestrickten sind verschwunden. Ich knautsche das Stück fest in meiner Hand und stelle fest, dass tatsächlich Falten entstehen, wie ich sie von Leinengewebe kenne. Allerdings lassen sich die Falten ganz leicht mit der Hand wieder ausstreichen.

s-lyonesse 4mm10
ein ebenes Maschenbild

Zweifelsohne ist gegenüber der ungewaschenen Probe etwas Elastizität verloren gegangen, aber insbesondere bei horizontalem Zug federt das Gestrickte wieder willig in die Ausgangsform zurück. Das verspricht elastische Bündchen, wie ich sie von Wollpullis kenne – und mein Strickerinnen-Herz macht einen Luftsprung vor Freude.

Besonders beeindruckend verhält sich das Garn beim Lochmuster. Präzise Öffnungen bei den Umschlägen und exakte Neigungen bei den zusammengestrickten Maschen lassen ein Muster entstehen, bei dem nahezu jede Masche identisch ist. Und dafür benötigt es kaum Spannung beim Trocknen.

s1-lyonesse 4mm08

Auch der Zopf zeigt Präsenz, und obwohl er nicht mehr ganz so hervortretend ist wie vor dem Waschen, ist er doch immer noch markant.

s-lyonesse 4mm09

Mein Fazit

Ich kann nicht verhehlen, dass ich ein absoluter Fan der Produkte aus dem Hause Blacker Yarns bin. Aber warum sollte ich das auch? Alle Komponenten der Produktion sind durchdacht und folgen den der Umwelt, dem Tier und dem Menschen verpflichteten Werten des Unternehmens. Die Farben sind wunderschön und dem Zeitgeist entsprechend, die Qualität der Garne ist absolut überzeugend. In Lyonesse sind zweifelsohne die besten Eigenschaften von Leinen und Wolle zusammen gekommen. Ich plane, einen Sommerpulli für Frauen zu entwerfen und dafür kann ich mir kein besseres Garn vorstellen als Lyonnesse – es ist die perfekte Wahl für mich.

Ab heute ist das Garn in den Stärken 4-ply und DK direkt bei Blacker Yarns erhältlich, ebenso die Farbkarte. Ich kann Lyonesse wirklich wärmstens für viele schöne Sommerprojekte empfehlen!

Lyonesse-2